Europa als Erinnerungsgemeinschaft

Am Mittwoch, den 01.07.2015 fand die 5. Ringvorlesung im Rahmen des Europastipendiums statt. Bei der Veranstaltung handelte es sich um einen Vortrag von Prof. (em.) Dr. Klaus Schönhoven, unter dem Motto „Europa als Erinnerungsgemeinschaft“.

Nach der Begrüßung durch Universitätspräsident Prof. Alfred Forchel und Grußworten von Georg Rosenthal, in denen er auf die Deutsch-Französische-Freundschaft einging und Europa als Garant für „Frieden und Wohlstand“ bezeichnete. Weiterhin nannte er Europa mehr als einen Ort, an dem es sich gut leben lässt. „Es ist eine Gemeinschaft, die inspirierende Ideen hat, die in Solidarität lebt“, So Rosenthal weiter.

Der  Botschaftsrat für Kultur, Bildung und Hochschulwesen an der Französischen Botschaft,  Emmanuel Suard führte als nächstes zum Thema hin. Er beschäftigte sich in seinem Vortrag mit der Geschichte des 08.05. als Gedenk- und Feiertag.

Der 08.05., im Jahre 1945 der Tag des offiziellen Kriegendes, war zunächst ein Gedenktag aber kein offizieller Feiertag. 1953 wird er dann zum gesetzlichen Feiertag erklärt. 1958 wird der 08. Mai wieder zum Gedenktag degradiert und 1975 sogar als solcher abgeschafft. 1981 schließlich wurde er dann erneut zum Gedenk- und auch nationalen Feiertag erklärt.

Hinter dieser Geschichte zeige sich die ganze komplexe Geschichte des Erinnerns und Gedenkens, so Suard.

Professor Schönhoven eröffnete seinen Vortrag damit, dass Erinnerung mittlerweile ein Teil der politischen Kultur geworden ist. Der Zusammenhang zwischen Geschichte und Gedächtnis, Gegenwart und Vergangenheit sei nicht so einfach, da beides – Geschichte und Gegenwart – aus übereinander getürmten Schichten bestehe.

Der private und der kollektive Umgang mit der Geschichte seien zum einen familiär geprägt und zum anderen durch öffentliche Erinnerungsrituale oder durch mediale Einflüsse.

Schönhoven stellte die Frage, ob es denn überhaupt ein europäisches Gemeinschaftsgedächtnis gibt, oder ob die Erinnerung nicht eher national und regional unterschiedlich ist? Auch das Vergessen, Verdrängen und Verschweigen gehört laut ihm zum Erinnern dazu. Deshalb gibt es unterschiedliche Lesarten der Vergangenheit in allen Nationen.

Das europäische Erinnerungskapital sei „nicht die Einheitssoße sondern die Differenz“, führte der Historiker weiter aus.

Im Anschluss an den Vortrag fand eine Diskussionsrunde, wieder moderiert von Dr. Michael Zeiß statt. An dieser nahmen neben Prof. Dr. Schönhoven und Emmanuel Suard auch die beiden Stipendiatinnen Clémence Leboucher aus Frankreich und Julia Umecka aus Polen teil. In dieser Runde wurde vor allem drauf eingegangen, wie die beiden jungen Frauen die Erinnerung in ihren Heimatländern und allgemein in Europa wahrnehmen und wie sie selbst dazu stehen. Auch wurden fragen aus dem Publikum beantwortet.

Abschließend richtete Prof. Dr. Peter Hoeres, vom Lehrstuhl für Neuste Geschichte, sein Schlusswort an die Zuhörer. Er erwähnte, dass es ihm aufgefallen ist, dass Geschichte meistens mit etwas schlimmen in Verbindung gebracht wird. Auch Politiker hätten in ihrem Geschichtsvokabular überwiegend Wörter wie „Schuld“, „Scham“ und „Verbrechen“. Wir alle sollten uns Gedanken machen, ob wir weiterhin wollen, dass Geschichte mit dieser negativ Assoziierung in Verbindung gebracht wird. Des weiteren gibt er den Ratschlag, nicht aus der Geschichte zu lernen. Das funktioniere zum erstens nicht und  zweitens ist Geschichte auch kein Straßenverkehr, wo man wisse, dass man gerade über eine rote Ampel fährt und es beim zweiten mal lieber nicht macht weil man ein Knöllchen bekommen hat.

Hoeres sagte auch, dass jede Generation das richtige Maß an Vergessen und Erinnern für sich selbst neu entdecken müsse und das niemanden vorgeschrieben werden dürfe und er gespannt in die Zukunft blickt, was da noch so auf uns zukommt.